Wie sicher ist sicher bei Kongressen?

„Reduce to the Max“ statt Aktionismus & Augenwischerei

Dr. Frank Mücke ist geschäftsführender Gesellschafter der comed GmbH in Köln. comed ist seit über 30 Jahren als Full Service-Agentur für Tagungen – Kongresse – Events am Markt. Schwerpunkte sind Medizin, Gesundheit und Wissenschaft. comed ist bundesweit und in ganz Europa tätig. Die Agentur ist Green Meeting und Compliance zertifiziert. Das besondere Interesse von Frank Mücke als Referent und Autor gilt dem Kongressmarketing und der Eventsicherheit, speziell der Sicherheit von Kongressteilnehmern.

Mit Dr. Frank Mücke hat der MICE Club ein Gespräch über Eventsicherheit bei Kongressen geführt. (Autor: Dominik Deubner, Veröffentlicht am: 22.02.2018)

MICE Club: Die Sicherheit der Teilnehmer ist das Wichtigste bei Tagungen und Events – so kann man immer wieder lesen und hören. Ist das wirklich so?

Dr. Frank Mücke: Die Frage kann man nicht allgemein mit Ja oder Nein beantworten. Der Jurist würde wahrscheinlich sagen: Das hängt von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab. Ich bin kein Jurist. Als PCO (Professional Congress Organizer – wie das auf Neudeutsch so schön heißt), der seit über drei Jahrzehnten mit seiner Firma am Markt ist, habe ich naturgemäß einen anderen Blickwinkel. Äußern möchte ich mich deshalb nur zum Veranstaltungssegment Kongresse – mit dem Schwerpunkt Medizin- und Ärztekongresse.

MICE Club: Wie steht es denn nun konkret um die Kongresssicherheit?

Dr. Frank Mücke: Zunächst mal kann man festhalten, dass Kongresse im Allgemeinen sicher sind. Jedenfalls habe ich in mehr als 30 Jahren weder in den Nachrichten noch in den Fachmedien einen Hinweis darauf gefunden, dass es bei einem wissenschaftlichen Kongress zu einem gravierenden verhaltens- bzw. organisationsbedingten Schadensereignis mit schwerwiegenden Unfallfolgen und/oder Gesundheitsschäden für Teilnehmer bzw. Mitarbeiter gekommen ist. Das schließt medizinische Notfälle nicht aus, z.B. Herzinfarkt, diabetische Entgleisung, Bandscheibenvorfall. Hier gibt es keine Kausalität vom Kongress als Anlass und dem Ereignis. Vielmehr liegt eine Grunderkrankung vor, die sich zufällig beim Kongress realisiert. Das hätte genauso auf der Straße vor dem Kongressgebäude, im Kongresshotel und daheim passieren können.

Fazit: Offensichtlich ist die Teilnahme an Kongressen – zumindest in Deutschland – (noch) so sicher wie Opernbesuche, Philharmoniekonzerte und Museumsbesuche. Dies mehr oder weniger im Gegensatz zu Open Air-Festivals, Fußballstadien (Ultras, Hochrisikospiele) oder anderen Special Events wie z.B. Rockkonzerten mit angesagter Randale, die ggf. nicht unerheblich unfall- bzw. schadensträchtig sind.

MICE Club: Wenn Kongresse sicher sind, warum wird dann immer mehr „aufgerüstet“? Auffällig sind z.B. Personen- und Taschenkontrollen, Mitnahmeverbot von Taschen u.a. größer als DIN A4, Einsatz von Metalldetektoren, Barcode-Scanner, kopiergeschützte elektronische Badges mit eindeutiger ID des RFID-Chips, verstärkt auch Videoüberwachung und der Einsatz von Security für die Einlasskontrolle.

Dr. Frank Mücke: Ja, das mutet mitunter schon ein wenig schizophren an, wenn scheinbar nach der Devise verfahren wird „vorne Hui und hinten Pfui“. Da wird der Zugang abgesichert wie Fort Knox während man „hinten“ bei den Notausgängen unkontrolliert raus und rein kann. Zu der Thematik habe ich mich schon in einem Artikel „Standards der Kongress-Sicherheit“ in der Zeitschrift mep 4/2017 (S. 42-43) ausführlicher geäußert. Die z.T. martialischen Maßnahmen machen zwar Eindruck, aber keinen Sinn! In diesem Fall dienen sie wohl eher dazu, Teilnehmer und Verantwortliche zu beeindrucken und den zahlenden Kunden das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln – Schlagwort: Gefühlte Sicherheit.

Szenenwechsel. Wir gehen selber als Teilnehmer auf Fremdkongresse. Dabei können wir immer wieder feststellen, dass die Teilnehmer keiner ersthaften Identitätsprüfung unterzogen werden. Warum auch? Oder ist das fahrlässig? Die Teilnahme an einem Kongress ist letztlich nichts anderes als der Besuch in einem Kino, einem Theater oder einem Musical. Beim Kongress gehe ich an den Counter, gebe mein Anmeldeformular (mit meinen vermeintlich echten Kontaktdaten) ab, zahle die Teilnehmergebühr in bar und begebe mich ohne (Identitäts-/Sicherheits-)Überprüfung in den Vortragssaal. Und was passiert? Nichts! Alles sicher. Kein Unfall, kein Überfall, kein Attentat, kein Amokläufer, kein Vandale, kein Störer und kein Gewalttäter. Alles im grünen Bereich! Das passiert jeden Tag, mehrere Hundert Mal am Wochenende und viele Tausend Mal im Jahr. Obwohl es keine validen Vergleichszahlen bzw. Kennziffern gibt, wage ich folgende These: Unabhängig von der Größe bzw. Personenzahl sind die Teilnehmer auf Fachkongressen ohne erhöhte Sicherheitsmaßnahmen genauso sicher wie die Teilnehmer auf „hochgerüsteten“ Kongressen, solange es keine speziellen, konkreten Gefährdungshinweise gibt.

MICE Club: Jetzt wird es spannend. Was bedeutet das in der Praxis?

Dr. Frank Mücke: Für meinen konkreten Kongress „XYZ“ führe ich eine Gefährdungsanalyse durch und nehme eine Gefährdungsbeurteilung vor. Dabei reicht allein der Bezug auf abstrakte Gefahren, z.B. die allgemein erhöhte Gefährdungslage durch Terroristen, nicht aus, um verstärkte Sicherheitsmaßnahmen zu veranlassen. Stehen doch die massiven Sicherheitsmaßnahmen im Konflikt mit den legitimen Freiheits- und Persönlichkeitsrechten der Teilnehmer. Beide markieren die Endpunkte „Freiheit vs. Sicherheit“.
Etwas anderes wäre z.B. ein Kongress mit politisch-religiös umstrittenen Themen wie z.B. Abtreibung, Reproduktionsmedizin, assistierter Suizid. Besondere Aufmerksamkeit verlangt auch ein Kongress z.B. parallel zu Parteitagen (z.B. AfD in Köln, 23.04.2017), Aktionen und Kampagnen z.B. beim G20 in Hamburg (8. Juli 2017). Bei Zeitgleichheit und räumlicher Nähe muss man einplanen, dass solche Fremdereignisse aktiv oder passiv Auswirkungen auf den eigenen Kongress haben können.

Fazit: Mit Augenmaß ans Werk gehen. Wenn keine konkrete Gefährdung vorliegt, dann sind auch keine erhöhten Sicherheitsmaßnahmen erforderlich. Dies zumindest objektiv. Maßnahmen zur Erzeugung von gefühlter Sicherheit sind ein anderes Thema.

MICE Club: Das hört sich ja alles ganz logisch und ganz rational an. Warum dann in vielen Fällen doch ein solcher Aktionismus?

Dr. Frank Mücke: Gute Frage. Auch ich werde immer mal wieder Opfer dieser Sicherheitshysterie und muss mich dann wieder „freischwimmen“. Ich denke, alle Verantwortungsträger, d.h. Veranstalter, PCOs, Betreiber, Mitarbeiter und Dienstleister, wollen letztlich das Beste bieten: Die Sicherheit und Unversehrtheit ihrer Teilnehmer. Dabei wissen alle: 100 Prozent Sicherheit gibt es nicht und kann es nicht geben; weder im alltäglichen Leben, noch bei der Arbeit oder in der Freizeit und auch nicht bei Kongressbesuchen. Dessen ungeachtet verfolgen wir letztlich alle das Ziel der Präventionskampagne von Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und ihrem Spitzenverband Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Eine Welt ohne (Arbeits-)Unfälle – „Vision Zero“; Null Toleranz, keine Chance dem Unfall.
Vor diesem Hintergrund ist es oft nur ein kleiner Schritt zu der alten Regel „viel hilft viel“. Und dann packt man vorsorglich noch „eine Schippe drauf“. Das führt häufig dazu, dass die Sicherheitsmaßnahmen weder vernetzt noch zielführend noch verhältnismäßig sind.

MICE Club: Heißt das dann so viel wie: „Alles in Butter“ – Sicherheitsmaßnahmen sind überflüssig? Oder wie der Rheinländer zu sagen pflegt: „Et hätt noch immer joot jejange“ (Art. 3 Rheinisches GG).

Dr. Frank Mücke: Nein, natürlich nicht. Mit einer unfallfreien Vergangenheit lässt sich keine sichere Zukunft begründen. Wer Kongresssicherheit will, muss die konkrete Situation systematisch analysieren, vernetzt planen, die Planung konsequent (und zugleich flexibel) umsetzen und das eigene Handeln sowie die Ergebnisse immer wieder (selbst-)kritisch überprüfen. Sicherheit ist kein einmaliger Zustand, kein statischer Endpunkt sondern ein permanenter, dynamischer Prozess. Nur über TOTE-Prozesse und Regelkreise (Test-Operating-Text-Exit) gelingt es, die Struktur- und Prozessqualität zu optimieren und damit letztlich die gewünschte Ergebnisqualität der Veranstaltungssicherheit sicherzustellen. Das gleichermaßen für Kongresse wie auch für Events.
Um das Ziel zu erreichen, brauchen die verantwortlichen Akteure Handlungskompetenzen auf unterschiedlichen Ebenen:

  • Realistische Zielsetzungen für die Kongresssicherheit und speziell die Sicherheit der Teilnehmer
  • Soft skills wie z.B. Neugierde, Wachsamkeit, Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen
  • Hard facts wie z.B. S.M.A.R.T. definierte Sicherheitsmaßnahmen (spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert)
  • Sicherheitsmaßnahmen müssen geeignet, erforderlich und angemessen sein.
  • Bereitschaft und Fähigkeit zur innerorganisatorischen, interorganisationalen und interprofessionellen Kommunikation und Zusammenarbeit

Fazit: Ein Sicherheitsaktionismus bringt keinen Mehrwert für die Kongresssicherheit und speziell die Sicherheit der Kongressteilnehmer. Vielmehr braucht es aus Basis einer validen Gefährdungsbeurteilung ein vernetztes Sicherheitskonzept mit Sicherheitsmaßnahmen zur Umsetzung, die sowohl notwendig als auch zielführend und verhältnismäßig sind. Das Ziel: Risikoadaptierte Sicherheitsmaßnahmen „reduced to the max“.

MICE Club: Vielen Dank für das erkenntnisreiche Gespräch, Herr Dr. Mücke.

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